400 Jahre Paul Gerhardt (1607-1676)

Deutschland vor 350 Jahren: Der Dreißigjährige Krieg ist gerade erst zu Ende. Das Land liegt in Trümmern, ganze Landstriche sind entvölkert und verwüstet. Die Überlebenden werden von Hunger und Not geplagt. Epidemien und Seuchen raffen weiterhin Tausende Menschen hin. Marodierende Banden ziehen umher und verbreiten Angst und Schrecken. Versprengte Reste jener Söldnerheere, die Mitteleuropa in ein riesiges Schlachtfeld verwandelt hatten.

Da erscheint im Jahre 1653 ein Gedicht des Pfarrers Paul Gerhardt aus Mittenwalde bei Berlin: Geh aus, mein Herz, / und suche Freud / In dieser lieben Sommerzeit / An deines Gottes Gaben; / Schau an der schönen Gärten Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich ausgeschmücket haben. Hoffnung auf einen Gott, der den Menschen zwar kein irdisches Leid erspart, sie aber letztlich erlöst – das ist der Glaube, in dem Paul Gerhardt gegen die Depression anschreibt. Der Dichter hat dem Leid und der Sehnsucht seiner Zeitgenossen in einer Weise Ausdruck gegeben, die ihn überdauert hat. 28 seiner Lieder sind in unserem Evangelischen Gesangbuch enthalten.

Jugend u. Ausbildung
1607 in Gräfenhainichen, einer Kleinstadt nahe Wittenberg geboren, war Paul Gerhardt im Alter von 14 Jahren Vollwaise geworden. Immerhin reichte das elterliche Vermögen, um ihm den Besuch der angesehenen Fürstenschule in Grimma zu ermöglichen.

Danach studierte er lange Zeit Theologie in Wittenberg. Er wollte Pastor werden, doch vorher kam sein dichterisches Talent zur Geltung: 1643 zog Paul Gerhardt nach Berlin, und Johann Crüger, der führende Kirchenmusiker der Stadt, lernte seine Verse kennen. Crüger war begeistert und veröffentlichte bis 1661 fast 100 von Gerhardts Liedern, die rasch über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt wurden.

Mittenwalde
Die Zusammenarbeit riss auch nicht ab, als Gerhardt 1651 eine Pfarrstelle in Mittenwalde über-nahm, eine Tagesreise südlich von Berlin. Dort entstand "Geh aus, mein Herz, und suche Freud", sein bis heute volkstümlichstes Lied. Vor allem aber ist Gerhardt dafür bekannt, wie er persönliches Leid thematisiert und verarbeitet. Spät, mit 48 Jahren, hatte er geheiratet. Seine Ehefrau Anna brachte fünf Kinder zur Welt. Nur ein Sohn blieb am Leben, die anderen starben alle sehr früh. In Gerhardts Schaffen finden sich ergreifende "Kindertotenlieder“.

Berlin
1657 wurde Paul Gerhardt leitender Pfarrer an der Berliner Hauptkirche St. Nikolai. Der Karrieresprung führte ihn ins Zentrum politisch-religiöser Auseinandersetzungen. Aufgrund dieser Auseinandersetzungen verlor Paul Gerhardt im Jahr 1668 sein Amt an der Nikolaikirche, obwohl sich viele Berliner für ihn eingesetzt hatten. Kurz darauf traf ihn ein weiterer Schicksalsschlag: Seine Ehefrau Anna starb nach 13 Jahren Ehe, sie wurde nur 45 Jahre alt.

Lübben
1669 wechselte Gerhardt als Pfarrer nach Lübben. Als Dichter war der alternde Paul Gerhardt in Lübben nicht mehr produktiv. Mit mehr als 120 geistlichen Liedern, allesamt vertont und herausgegeben von Kantor Crüger und dessen Berliner Nachfolger Johann Ebeling, war Gerhardts Werk vollendet. In Lübben aber blieb er als Pfarrer und Seelsorger beliebt. Am 27. Mai 1676 starb Paul Gerhardt, fast siebzig Jahre alt.

Reinhard Mawick

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