Kommen Sie doch näher !
Die St. Elisabeth Kirche in Hude
Ein Kirchenbesuch mit großer Brennweite
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- 2 -Kommen Sie doch näher!
Einleitung
Was muss das für ein Glanz gewesen
sein - damals!
Damals - im Anfang des 14. Jahrhunderts.
Heute schauen wir auf die überarbeiteten Überreste einer einst großartigen
Ausmalung in der St. Elisabeth Kirche. Die Jahre und die ständige Nutzung
der Kirche haben unübersehbar ihre Spuren an den Bildern hinterlassen.
Große Teile sind übertüncht worden. Warum? Waren es nur bauliche
Gründe?
Bei solcher Fragestellung können nur wissenschaftlich fundierte Untersuchungen
Antworten geben. Hier soll nicht geklärt werden wer der Auftraggeber,
der Geldgeber oder gar der Künstler war. Eine sicher große und
reizvolle Aufgabe für entsprechende Forschungsarbeiten!
Ich möchte Sie ausschließlich mit dem verbliebenen Charme der Fresken
bekannt machen.
Das dabei Fragen nach dem Sinn - und dem damaligen Verständnis - auftreten,
macht die Betrachtung der Bilder um so spannender. Bei einigen Motiven bleibt
wohl eine eindeutige Klärung des sakralen Hintergrundes für immer
offen.
Kommen Sie doch näher! Folglich mussten die Fresken mit dem Teleobjektiv
fotografiert werden. Nur so werden Details sichtbar, die mit dem Auge sonst
nicht mehr zu erkennen sind. So lässt sich noch erahnen, wie der Meister
gearbeitet hat.
Ob der Künstler nach Fertigstellung der Arbeit und der hoffentlich gerechten
Entlohnung noch ein Dankgebet in der Kirche verrichtet hat? Sicherlich! Nach
ihm haben unzählige Menschen unter seinen Bildern gebetet, gesungen und
Trost gesucht.
Schauen Sie auf den verbliebenen Glanz und bedenken Sie, alles ist zum Lob
Gottes gemacht worden!
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott
möglich.
Lukas 18,27
Hude im Januar 2009
Manfred Gentsch
- 3 -Kommen Sie doch näher!
Inhaltsverzeichnis
Die Fresken
1. Joch - Chor - Osten
Stirnwand:
Hl. Katharina von Alexandrien, Hl. Elisabeth von Thüringen
Chorgewölbe
- Ostzwickel: Majestas Domini, Kain und Abel
Chorgewölbe
- Südzwickel: Lebensbaum
Chorgewölbe
- Westzwickel: Lebensbaum mit Löwe (Tod und Auferstehung?)
Chorgewölbe
- Nordzwickel: Madonna - Anbetung der Könige - Blumenmotiv
2. Joch
Ostzwickel
- Lebensbaum mit zwei Vögeln - Drei Vogelmotive (Phönix?, Pelikan,
Reiher?)
Südzwickel
- Lebensbaum I. (Sternenblätter)
Westzwickel
- Der Prophet Jona
Nordzwickel
- Lebensbaum II. (Sternenblätter) - Krebs und Taube - Blumenmotive
3. Joch - Orgelempore - Westen
Ostzwickel
- Der heilige Martin
Südzwickel
- Der Sündenfall
Westzwickel
- Durch die Orgel verdeckt - Sterne (keine Fotos)
Nordzwickel
- Mose richtet die eherne Schlange auf
Das Triumphkreuz - Pestkreuz
(?)

Chor - Stirnwand (Osten)
Hl. Katharina von Alexandrien
Katharina ist eine legendäre Gestalt, sie wurde erst ab dem 10.
Jahrhundert überliefert. In ihrer Gestalt vereinigen sich Schicksal und
Wesenszüge der heidnischen Gelehrten Hypatia, die 415 durch Cyrill von
Alexandria getötet worden war. Zunächst entstand die Leidensgeschichte,
die starke Verbreitung erfuhr; von ihr ausgehend erfolgte dann weitere Ausschmückung
und im 12. bis 15. Jahrhundert wachsende Legendenbildung.
Der Legende nach war Katharina die
Tochter des Königs Costus von Zypern. Als der Sohn des Kaisers die schöne,
hochgebildete und unermesslich reiche Frau heiraten wollte, sah diese in einem
Spiegel, dass ihr der Bewerber nicht an Adel, Schönheit, Reichtum und
Weisheit entspreche. Auch andere Männer wies sie stolz ab. Ein Einsiedler
wies sie auf Jesus Christus als den richtigen Bräutigam hin. Sie ließ
sich taufen und erlebte in einer Vision, wie das Jesuskind ihr den Verlobungsring
an den Finger steckte.
Attribute: zerbrochenes Rad, Buch, Schwert, Krone

Chor - Stirnwand (Osten)
Hl. Elisabeth von Thüringen
Die
Kirchenpatronin
Elisabeth war die Tochter von König Andreas II. von Ungarn
und Gertrud von Kärnten-Andechs-Meran. Im Geburtsjahr von Elisabeth fand
der berühmte "Sängerkrieg" auf der Wartburg bei Eisenach
statt; Dichtung und Legende erzählen von der Anwesenheit des zauberkundigen
Klingsor aus Ungarn und seinem prophetischen Hinweis auf die Königstochter
Elisabeth.
Das "Rosenwunder" ist weder in der Lebensbeschreibung noch
in den großen Legendensammlungen verzeichnet: Ludwig, von seiner Umgebung
gegen Elisabeths angebliche Verschwendung aufgehetzt, trat seiner Frau, die
mit einem mit Brot gefüllten Deckelkorb die Burg herab stieg, mit der
Frage entgegen: "Was trägst du da?", deckte den Korb auf, sah
aber nichts als Rosen.
Attribute: Korb mit Rosen, Korb mit Broten, Schüssel mit Fischen,
Bettler

Chorgewölbe - Ostzwickel
Majestas Domini (lat. Herrlichkeit des Herrn)
Darstellung des thronenden Christus, die rechte Hand zum Segen erhoben und in der linken ein Buch haltend.

Mandorla (ital. Mandel)
Mandelförmiger Heiligenschein,
der die ganze Figur Jesu umschließt.


Engel halten die Mandorla
Augenscheinlich hat sich der Maler mit den Maßen vertan, die Flügel
der beiden Engel wurden unwirklich in den Bogen gequetscht.
Ornament
- Fensterlaibung

1.Mose
4,1-8
Kains Brudermord
Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain
und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. Danach gebar
sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde
ein Ackermann.
Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von
den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner
Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,
aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr
und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst
du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist,
so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die
Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche
über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen!
Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen
Bruder Abel und schlug ihn tot.

Das Kainszeichen, durch das Kain vor der Blutrache geschützt wurde (1. Mose, 4, 15), entsprach möglicherweise einer bei Beduinen üblichen Tätowierung; meist verstanden als Brandmarkung (Kainsmal) des Brudermörders.
Auffallend ist, dass hinter Kain und Abel jeweils ein Baum mit verschiedenen Vögeln abgebildet ist.
Abbildungen hinter Abel

Abbildungen hinter Kain
- 11 -Kommen Sie doch näher!
Chorgewölbe - Westzwickel
Lebensbaum - Löwen mit seinem Jungen(?) - (Physiologus*)
"Wenn die Löwin ihr Junges wirft, so ist es zuerst tot. Die Löwin aber behütet das Geborene, bis dass sein Vater kommt am dritten Tage und ihm ins Anlitz bläst, und es erweckt."
Eine Darstellung als Hinweis auf Tod und Auferstehung.
*Der Physiologus ist ein frühchristliches Kompendium der Tiersymbolik.
- 12 -Kommen Sie doch näher!
Chorgewölbe - Nordzwickel
Madonna

Darstellung der Maria mit dem Kind. Als Sitzbild bildet Maria so den Thron
des Kindes.

Marienbild
Neben dem Christusbild Hauptthema der christlichen Kunst.
Es ist bereits in der frühchristlichen (seit dem 2. Jahrhundert), dann
v. a. in der byzantinischen Kunst (seit dem 6. Jahrhundert) bekannt. Von
deren verschiedenen Typen das Abendland besonders den der thronenden, das
Kind vor sich im Schoß haltenden Maria (Nikopoia, "die Siegbringende")
übernahm.
- 13 -Kommen Sie doch näher!
Anbetung der Könige

Die drei Könige haben ihren Ursprung in der Weihnachstgeschichte des Evangelisten Matthäus (Mt 2,1-12), die vom Besuch fremdländischer Magier (Weisen) an der Krippe berichten. In späteren Legenden wurden aus ihnen Könige, ihnen auch Namen zugeschrieben (Caspar, Melchior, Balthasar) und sie dem europäischen, asiatischen und afrikanischen Kontinent zugeordnet.
Lebensbaum - mit verschieden Blumen und zwei Blüten an einem Stengel!
- 15 -Kommen Sie doch näher!
Drei Vogelmotive (Phönix?, Pelikan!, Reiher?)
Beachten Sie die Schnabelformen!
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Der Pelikan, der nach antiker Überlieferung mit seinem eigenen Blut seine Jungen nährt, ist ein Gleichnis für Jesus, der sein Leben für die Seinen hingab.
- 16 -Kommen Sie doch näher!
2. Joch - Südzwickel
Lebensbaum (Sternenblätter)




Fenster- laibungen- Auswahl
- 17 -Kommen Sie doch näher!
2. Joch - Westzwickel
Der Prophet Jona
Jona
1,12
Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer
still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen
dies große Ungewitter über euch gekommen ist.
Jona
2,1
Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen.
Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.
- 18 -Kommen Sie doch näher!
2. Joch - Nordzwickel
Lebensbaum (Sternenblättern)


Sind die Tiere Reste einer Schöpfungsszene?
Himmel und Meer?
- 20 -Kommen Sie doch näher!
3. Joch - Ostzwickel (Orgelempore)
Der heilige Martin

Martin war der Sohn eines heidnisch-römischen Tribuns. Er wurde in Pavia, der Heimatstadt des Vaters, christlich erzogen und im Alter von zehn Jahren in die Gruppe der Katechumenen - der Taufbewerber - aufgenommen. Mit 15 Jahren musste er auf Wunsch des Vaters in den Soldatendienst bei einer römischen Reiterabteilung in Gallien eintreten. Im Alter von 18 Jahren wurde er von Hilarius, dem späteren Bischof von Poitiers, getauft, im Alter von 20 Jahren schied er vor einem neuen Feldzug gegen die Germanen aus dem Militär aus, weil Christsein und Militärdienst sich nicht vereinbaren lassen. Zuvor geschah nach der Legende, was Martin weltberühmt machte: Martin begegnete am Stadttor von Amiens als Soldat hoch zu Ross einem frierenden Bettler, ihm schenkte er die mit dem Schwert geteilte Hälfte seines Mantels; in der folgenden Nacht erschien ihm dann Christus mit dem Mantelstück bekleidet: er war es, der Martin als Bettler prüfte.
Attribute: als römischer Reiter, Bettler, Mantel, Gans
- 21 -Kommen Sie doch näher!
3. Joch - Südzwickel
Der Sündenfall

1.Mose 3,1-6
Der Sündenfall
Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der
HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben:
Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau
zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt:
Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen
aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse
ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass
er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.
Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr
war, auch davon und er aß.
- 23 -Kommen Sie doch näher!
4.Mose 21,4-9
Mose richtet die eherne Schlange auf
Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das
Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und
redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt,
dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier
und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk,
dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben
gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte
den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das
Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte
sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll
leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und
wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb
leben.

3. Joch - Scheitelpunkt des Gewölbes
Blumenmotive
- 24 -Kommen Sie doch näher!
Das Triumphkreuz - Pestkreuz(?)
Longinus war nach dem Nikodemusevangelium jener römische Centurion, der Jesus nach dessen Tod einenSpeer (Lanze) in die Seite gestochen haben soll (Joh 19,34) und der nach dem Matthäusevangelium (27,54) sowie dem Markusevangelium (15,39) die Gottessohnschaft Jesu bezeugte.
- 25 -Kommen Sie doch näher!
Kreuzigungssitten
Die Kreuzigung war eine "überaus grausame und furchtbare" (Cicero)
Todesstrafe, die die Römer von den Karthagern übernommen hatten
und nur bei Sklaven und gemeinen Verbrechern anwandten. Röm. Bürger
durften nicht gekreuzigt werden. Bei der Kreuzigung band oder nagelte man
Hände und Füße an einen Pfahl mit Querholz. Im röm. Strafvollzug
wurde der Verurteilte erst gegeißelt (Joh19,1) und mußte dann
das K. zur Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadt tragen (V. 17).
Gewöhnlich wird es sich dabei nur um den Querbalken gehandelt haben,
an dem der Verurteilte dann auf ebener Erde nackt angenagelt und an dem gut
3 m hohen Pfahl, der auf dem Strafplatz stand, hochgezogen wurde. Danach trieb
man einen langen Nagel durch die übereinandergelegten Füße.
Die Kleider des Gekreuzigten fielen dem Hinrichtungskommando zu (V. 23f).
Aus Barmherzigkeit reichte man ihm vor der Kreuzigung einen Betäubungstrank
(Mk15,23: Myrrhe in Wein). Über ihm wurde am K. eine Tafel mit der Urteilsbegründung
angebracht (Joh19,19f).
Das Sterben konnte einige Tage dauern, bes. wenn der Gekreuzigte nur angebunden
war oder der Pfahl einen hervorstehenden Pflock besaß, auf dem die Last
des Körpers ruhte. Bei der Annagelung wurden die Nägel zwischen
den Knochen der Handgelenke hindurchgetrieben und verursachten unerträgliche
Schmerzen der verletzten Nerven. Den Aufgehängten quälten furchtbarer
Durst und rasende Kopfschmerzen, heftiges Fieber und Angstzustände. Die
Hängelage verursachte Atemnot, und der Verurteilte konnte dem Erstickungstod
nur entgehen, indem er sich, gestützt auf den Nagel durch die Füße,
vorübergehend aufrichtete. In abwechselndem Senken und Heben des Körpers,
in Atemnot und Atemschöpfen, vollzog sich der Todeskampf, in dessen Verlauf
es zu Flüssigkeitsansammlungen in Brust- und Bauchhöhle kam (Joh19,34).
Manchmal führte man den Tod durch das Zerschlagen der Schenkelknochen
herbei, um die Qual abzukürzen
Kreuzesworte
Die Reihenfolge der sieben Worte Jesu am Kreuz wird meist so angegeben: Lk23,34:
"Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!" Lk23,43:
"Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein." Joh19,26.27:
"Frau, siehe, das ist dein Sohn! - Siehe, das ist deine Mutter!" Mt27,46
(Mk15,34): "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
(Ps22,2). Joh19,28: "Mich dürstet." Joh19,30:
"Es ist vollbracht!" Lk23,46: "Vater,
ich befehle meinen Geist in deine Hände!" (Ps31,6)
2009 © Manfred Gentsch